Das Spiel von Herbe und Malzkörper

Ein Besuch bei Bierexperten

Ich bin auf jeden Fall eher die Mildbier-Trinkerin. Soviel weiß ich seit Anfang Juli. Das und noch mehr lernte ich im Brolters, einem Bierfachgeschäft am Steintor. Ich hatte ja keine Ahnung, dass man über Bier so viel wissen kann. Beim Tasting verkostete ich fünf Craft Bier-Sorten und fand heraus, welches mir am besten mundete.

„Wie soll ich denn bitte schön all die Infos in nur einem Text unterbringen“, frage ich mich beim Verlassen des Biergeschäfts am Steintor. Obwohl – wenn ich ehrlich bin – frage ich mich an diesem Abend nur noch relativ wenig. Ich hab nämlich einen ganz wunderbaren Glimmer – genauso, wie es Frank Wolter den Tasting-Teilnehmenden zu Beginn prophezeit, nein, gerade zu versprochen hat.

Keineswegs unangenehm, obwohl es an diesem Abend auch um 23 Uhr immer noch über 20 Grad sind. Auch im kleinen Hinterstübchen des Bierladens steht die Luft innerhalb kürzester Zeit. Die 13 Gäste hören trotzdem gespannt zu. Frank und sein Mitarbeiter Christian wissen eine ganze Menge über das Hopfengetränk. Im Schnitt stehen hier im Geschäft etwa 150 verschiedene Biersorten aus der ganzen Welt. Sie alle sind nicht industriell gefertigt, sondern per Hand gebraut. Sogenannte Craft Biere aus Mikrobrauereien oder Kollaborationen, in denen sich mehrere Brauer zusammen getan haben.

Nicht nur “Ganz viel Bier”, sondern auch ganz viele Details kann man im Laden entdecken.

Nicht nur “Ganz viel Bier”, sondern auch ganz viele Details kann man im Laden entdecken.

Von mild bis dunkel – Hopfensäfte im Geschmackstest

Fünf Biere werden an diesem Abend verköstigt. Zwischendurch gibt es etwas zu essen und jede Menge Geschichten um die Entstehung der einzelnen Biere. Dass Deutschland eines der Länder mit der ältesten Biertradition ist, wissen wohl die meisten. Doch die Großbrauereien beherrschen den Markt inzwischen so sehr, dass viele kleine Brauereien eingegangen sind. Dasselbe Phänomen spielte sich schon in den 1970/80 Jahren in den USA ab. Hier entstand kurzerhand die Craft Bier-Szene. Brauer versuchten sich abseits des Mainstream mit individuellen Rezepturen und Brauexperimenten am Markt zu etablieren. Seitdem wächst eben jener Markt stetig, denn es gibt Abnehmer – davon ist auch Frank überzeugt. „Die Leute wollen wieder richtiges Bier schmecken und greifen dafür gerne auch ein bisschen tiefer in die Tasche“, erklärt er.

Das erste Bier, das verköstigt wird, ist ein Hamburger Lager. Genauer: Ein kalt gehopftes, untergäriges Bier, das trotz des 5,2 prozentigen Alkoholgehalts wahnsinnig mild ist. Ich kreuze sofort auf meiner Tastingkarte „Mmmmh!“ an. Wirklich lecker! Kalt gehopft bedeute, so erklärt man uns, dass der Hopfen erst nach dem Abkühlen des Bieres hinzugefügt wird. So würden die Dolden ihren fruchtigen Geschmack entfalten, ohne dass – wie beim Erhitzen – die bittere Herbe entstünde.

Damit man nicht die Orientierung verliert, gibt es zum Tasting eine Karte für Notizen und geschmackliche Einordnungen.

Damit man nicht die Orientierung verliert, gibt es zum Tasting eine Karte für Notizen und geschmackliche Einordnungen.

Die Tastings finden meist einmal in der Woche statt und sind heiß begehrt.

Die Tastings finden meist einmal in der Woche statt und sind heiß begehrt.

Rede und Antwort von den selbst ernannten „Hochleistungsamateuren“

Erste Fragen kommen auf: Was hat es mit dem deutschen Reinheitsgebot auf sich? Und wieso schmecken industriell gefertigte Biere so wässrig? Wir erfahren, dass sich in Deutschland gebraute Biere, die nicht dem Reinheitsgebot entsprechen, nicht Bier nennen dürfen. Wir erfahren auch, dass Hopfen teuer ist und Industriebrauereien genau daran sparen.

Janka Bracke-Wolter, Christian Kammann und Frank Wolter sind die “Hochleistungsamateure” im Brolters und finden für Suchende garantiert das richtige Bier.

Janka Bracke-Wolter, Christian Kammann und Frank Wolter sind die “Hochleistungsamateure” im Brolters und finden für Suchende garantiert das richtige Bier.

Frank Wolter und seine Frau Janka Bracke-Wolter eröffneten das Craft Bier-Fachgeschäft im November 2014. Wer die Nachnamen jetzt genau gelesen hat, weiß auch wie der Geschäftsname „Brolters“ zustande kommt. „Der Laden ist ehrlich gesagt reine Leidenschaft“, erzählt Frank, der seinen Unterhalt mit einem Getränkelieferservice verdient. „Gewinn machen wir damit nicht.“ Zumindest keinen monetären. Denn die Philosophie der Kleinbrauerszene sei durchaus bereichernd und mit manchen der Brauer habe sich schon ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Das betont auch Janka, die sich um Verkauf, Einrichtung sowie Gestaltung aller Druckmedien kümmert. Alles hält die gelernte Mediengestalterin im Stil der 1970er Jahre und bestückt den Verkaufsraum mit viel Liebe zum Detail.

Die Einrichtung bleibt den Siebzigern trau – genau die Zeit, in der Craft Biere in den USA entstanden.

Die Einrichtung bleibt den Siebzigern trau – genau die Zeit, in der Craft Biere in den USA entstanden.

Schokolade und Kaffee im Bier?

Bier zwei und drei beim Tasting sind Pale Ales. Beide sind nicht ganz so mein Fall. Wobei wir uns – das sei angemerkt – hier auf sehr hohem Niveau bewegen. Dass hinter diesen Getränken wahre Künstler mit viel Leidenschaft arbeiten, lässt sich aus allen Bieren an diesem Abend eindeutig herausschmecken. Die Qualität bemerke ich am nächsten Tag übrigens auch noch einmal am ausbleibenden Kater.

Inzwischen ist die Stimmung in der Runde schon merkbar gelassener. Im Anschluss an die Pause, in der sich alle mit leckerem Curry stärken, geht es mit Dunkelbier weiter. Ich bin skeptisch, weil ich dunkle Biere noch nie wirklich mochte. Muss aber zugeben, dass die Vollmundigkeit des Kohlentrimmer-Biers aus Hamburg schon faszinierend ist. Je wärmer es wird, desto mehr entfaltet sich der satte Geschmack aus Hopfen und Malz. Ein leichtes Röstaroma und eine Schokonote schmecke ich heraus. Das liege am gerösteten Malz, wird erklärt. Frank reicht das Rohprodukt in die Runde. Das Malz ist tatsächlich pechschwarz und schmeckt fast ein bisschen wie Kaffeebohnen.

Das letzte Bier ist ebenfalls ein Dunkelbier. Und siehe da: Es schmeckt mir! Es ist sanfter und weniger bitter. Meine Tastingkarte verrät am Ende, dass ich das milde „Einsteiger“-Bier am leckersten fand. Passenderweise heißt es „Prototyp“ und sein Brauer kommt schon zwei Tage später zum „One Brewer’s Day“ ins Brolters und stellt seine Biere vor.

Vorher – nachher: 13 Bier-Probierer können ein ganz schönes Schlachtfeld hinterlassen.

Vorher – nachher: 13 Bier-Probierer können ein ganz schönes Schlachtfeld hinterlassen.

Mein Interesse an Craft Bier ist nach diesem Abend geweckt. In den folgenden Tagen finde ich heraus, dass die Craft Bier-Szene auch Bremen längst erreicht hat. Mir begegnen das Ahoi 69, das Hopfenfänger, das Grebhan‘s-Bier aus dem Schnoor und das Schüttinger. Zukünftig soll es auch wieder Bier aus der traditionellen Union-Brauerei in Walle geben, erfahre ich. Zwei Tage nach dem Tasting komme ich noch einmal ins Brolters und genehmige mir ein leckeres „Prototyp“ – vom Brauer höchstpersönlich gezapft. Oliver Wesseloh gewann übrigens 2013 die Weltmeisterschaft der Sommeliers für Bier – aber das ist eine andere Geschichte…

Oliver Wesseloh eröffnet bald im Süden Hamburgs seine Kreativbrauerei Kehrwieder. Bisher hat er sich für seine Produktionen in anderen Brauereien eingemietet.

Oliver Wesseloh eröffnet bald im Süden Hamburgs seine Kreativbrauerei Kehrwieder. Bisher hat er sich für seine Produktionen in anderen Brauereien eingemietet.


Erschienen: Bremen Blog, Bremer Touristik-Zentral, Juli 2015